Kleines Wein Feuilleton

Weinselig - der Weinladen im Hecht

FRANZÖSISCHE WEINE U.A. DIREKT VON DEN WINZERN

Kleines Wein Feuilleton

Zuweisung   (27.05.2020)

 

Der Herr S fühlte sich vom Virus in seiner Existenz bedroht. Bereits Anfang des Jahres fürchtete er sich vor dem fiesen kleinen Wutball aus dem Fernen Osten, der drohte, all den kleinen Konzerten, Verkostungen, Vernissagen und Ausstellungen in seinem Weinladen übers Jahr den Boden zu entziehen. Herr S. veranstaltete diese Menschenzusammenbringungen, weil er auf die Sechzig zuging und hoffte, dass sein Leben und das anderer damit sinnvoll und würdevoll bereichert würde. Dazu Wein zu trinken, könne ja nicht schaden. Er tat dergleichen auch schon ein paar Jahre. Beides.


Herr S. wohnte in einem eher kleinen Stadtviertel. Maler, Bildhauer, Musiker, Schreibende, Weintrinker und andere Lebenskünstler durften hier länger wohnen als anderswo, auch wenn der Erfolg nicht an die Tür klopfte. Das allerdings sollte sich nicht fortsetzen. Jüngere und auch beruflich erfolgreichere Menschen traten (meist) in Dreierkombi auf und beanspruchten Wohnraum. Sie fanden, so ein kleines, hübsches Quartier mit so ursprünglichen Bewohnern und ihren putzigen Festbräuchen, würde sich gut zur Aufzucht des Nachwuchses eignen.


Ihre künstlerischen Ambitionen, der Geruch drohender Aussonderung und der preiswert ordentliche Wein verleiteten viele der verbliebenen Lebenskünstler, sich häufig im Laden des Herrn S. zu treffen. Nicht selten auch zur Ausübung von Kunst. Dies führte bei vielen Zugezogenen zu Unverständnis. Ein Rudel älterer Leute, die das Leben feierten, passe so nicht in dieses Viertel. Schließlich müssten junge Familien tief in die Tasche greifen, um hier leben zu dürfen. Hart arbeiten zu müssen und sich die restliche Zeit um die Kinder zu scheren, beiße sich schon aus Gründen sinnstiftender Moralität mit offen ausgetragenem Hedonismus einer späteren Generation. Dass die das harte Arbeiten und das Scheren um die Kinder einfach lang hinter sich gelassen hatte, fand als Gedanke keinen Weg in die höhere Moralität.


Dann kam der winzige Wutball aus China und befiel die Menschen. Wie jeder andere Ladenbesitzer versuchte Herr S., so lange wie möglich und wie der Gesetzgeber es zuließ, seine Weine zum Erhalt des Ladens zu verkaufen. Er schenkte in aller Legalität noch zwei Tage aus, dann schloss er den Laden für zwei Wochen, kam auf die, wie erfand, ziemlich coole Idee, einen eineinhalb Meter langen Tisch bündig abschließend in die Eingangstür zu stellen und darüber (ungeöffnet, wie es sein Geschäftsmodell hauptsächlich vorsah) Weinflaschen zu verkaufen. Als er durfte, öffnete er wieder, ließ eine Kordelschnur den Eingang versperren und jeweils nur zwei Leute mit Atemmaske rein.


Viele, sehr viele seiner Kunden vermissten das übliche Glas Wein. Sie wiesen Herrn S. darauf hin, dass im benachbarten Partyquartier der Bär steppe und dort niemand den Ausschank verwehre. Der in die Jahre gekommene Herr S. fand trotzdem, dass er sich an die aktuelle Gesetzeslage halten müsse und vertröstete sie.


Zur gleichen Zeit trafen sich die Mütter und Väter des Viertels nebst Kindern täglich in den Höfen, hockten beieinander und besprachen die aktuellen News über ihren Nachwuchs, den Befall mit dem winzigen Wutball und suchten nach Schuldigen ihrer nichtstattfindenden Isolation. Die waren schnell ausgemacht…   J.G.