Kleines Wein Feuilleton

Weinselig - der Weinladen im Hecht

FRANZÖSISCHE WEINE U.A. DIREKT VON DEN WINZERN

Kleines Wein Feuilleton

Die Laudatio zur Ausstellung von Viola Schöpe passt auf Grund aktuellen Bezuges auch in's Feuilleton: Dionysos.


Zeus nahm seinen wegen des Todes seiner Mutter Semele vor der Zeit geborenen Sohn Dionysos und nähte ihn sich in den Schenkel, wo er ihn austrug. Nach seiner zweiten Geburt übergab er das Kind Nymphen, die ihn in Thrakien, also in dem Gebiet zwischen Griechenland und dem heutigen Bulgarien aufzogen, und die später zu seinem Gefolge wurden. Wann geschah dies alles? Nun, wir wissen, dass von eben dort Funde von eindeutig vergorenen Traubenkernen aus der Jungsteinzeit, also von vor ca. 8000 Jahren vor Christi, stammen.


Der Rausch war im Kult des Dionysos ein Mittel, sich mit dem Gott Dionysos zu verbinden. Keine Gewöhnung durch Alltag, sondern ein sorgfältig vorbereitetes und durchgeführtes Ritual. Bei deren Ablauf die griechische Sprache zwischen Enthusiasmus und Ekstase unterscheidet. Natürlich ist Ekstase dabei die Erweiterung enthusiastischen Betreibens. Oder etwa (um es in unsere Zeit zu übersetzen): die sinnliche Befreiung von Überarbeitung?

Für Dionysos würde sich diese Frage heute nicht stellen. Er bediente sich eines Tricks, über den wir nicht verfügen und der dem entfesselten Spätkapitalismus, dem wir uns einerseits hingeben und der sich trotzdem ohne Betäubung so schwer ertragen lässt, sowohl Reiz als auch Überzeugung nehmen würde: er hatte einen Amethyst, der ihn vor Trunkenheit und Dummheit schützte.


Carl Zuckmayer über ein Land, dass uns in der bedingungslosen Hingabe an die calvinistischen Götter der Arbeit weit voraus ist: „…ein Land ohne Tradition, ohne Kultur, ohne Metaphysik und ohne Heurigen, ein Land des Kunstdüngers und der Büchsenöffner, ohne Grazie und ohne Misthaufen, ohne Klassik und ohne Schlamperei, ohne Melos, ohne Apoll, ohne Dionysos.“

Er übertreibt. Aber eben nicht in allen Belangen.


Es gibt Menschen, die, aus Mangel an Erfahrung oder aus Stumpfsinn, sich vom Rausche spöttisch oder bedauernd im Gefühl der eigenen Gesundheit abwenden: die Armen ahnen freilich nicht, wie leichenfarbig und gespenstisch eben diese ihre "Gesundheit" sich ausnimmt, wenn an ihnen das glühende Leben dionysischer Schwärmer vorüberbraust. Sagt Nietzsche.

Folgt man ihm, so darf man auch der These folgen, dass ohne die Möglichkeit und Wahrnehmung des Rausches die Bereitschaft größer ist, sich all den mächtigen Geldruckmaschinisten untertan zu machen, die täglich mit Vorsatz Moral und Sentiment manipulieren, um unseren Geltungsdrang für die Energetik ihres Wachstums zu eutropieren. Dies geschieht mit der Weisheit alter Vampire, die ihre, zu Anfang durchaus jungen, Opfer zur gelegentlichen Nutzung der Restenergie am Leben lassen. Wir steuern dann im höheren Alter nach durch Abstinenz, biologische Nahrungsaufnahme und Körperertüchtigung und andere Formen vorauseilenden Gehorsams.

Ich denke, dass uns nur in den wenigen regellosen Lebensabschnitten, die wir uns gönnen, die Relativität der Zeit so magisch wie offensichtlich erscheint. Die Minuten unserer Träume füllen sich mit mehr Ereignissen, als die Stunden des Tages fassen können. In der Entspannung eines guten Rausches verlieren unsere Gefühle ihre diffuse Einbettung in uns selbst und übernehmen unser Urteilsvermögen, die Zeit als dessen wesentliche Koordinate wird schlicht ignoriert. Im manischen Stadium der Verliebtheit können wir zwar nicht so vollständig der Realität entfliehen wie in Schlaf und Rausch, doch wir agieren in Zeitlupe, setzen unseren eigenen Ereignishorizont und rücken die Welt jenseits des Beobachtbaren.

Dieses „Uebermaass (an Möglichkeiten) enthüllte sich als Wahrheit […]“, zitiert Nico Dorn, dazu passend, Nietzsche: „Und so war, überall dort, wo das Dionysische durchdrang, das Apollinische aufgehoben und vernichtet.“


Der ständige Selbstüberwinder hat sich also klar positioniert in der Auseinandersetzung mit dem bipolaren Begriffspaar, welches die Philosophie den zwei antiken Halbbrüdern entlehnt hat. Es beschreibt, wie wir (Dank Wikipedia) wissen, gegensätzliche Charakterzüge des Menschen. Apollo steht für Form und Ordnung und Dionysos für Rauschhaftigkeit und Schöpfungsdrang.

Viola Schöpes Bilder sind dramatisch, widersprüchlich, bunt und lebensfroh. Das brauchen wir. Da es uns vergessen lässt, dass die Ordnung gerade die Möglichkeiten des Rausches einschränkt…


J.G. 17092020





Zuweisung   (27.05.2020)

 

Der Herr S fühlte sich vom Virus in seiner Existenz bedroht. Bereits Anfang des Jahres fürchtete er sich vor dem fiesen kleinen Wutball aus dem Fernen Osten, der drohte, all den kleinen Konzerten, Verkostungen, Vernissagen und Ausstellungen in seinem Weinladen übers Jahr den Boden zu entziehen. Herr S. veranstaltete diese Menschenzusammenbringungen, weil er auf die Sechzig zuging und hoffte, dass sein Leben und das anderer damit sinnvoll und würdevoll bereichert würde. Dazu Wein zu trinken, könne ja nicht schaden. Er tat dergleichen auch schon ein paar Jahre. Beides.


Herr S. wohnte in einem eher kleinen Stadtviertel. Maler, Bildhauer, Musiker, Schreibende, Weintrinker und andere Lebenskünstler durften hier länger wohnen als anderswo, auch wenn der Erfolg nicht an die Tür klopfte. Das allerdings sollte sich nicht fortsetzen. Jüngere und auch beruflich erfolgreichere Menschen traten (meist) in Dreierkombi auf und beanspruchten Wohnraum. Sie fanden, so ein kleines, hübsches Quartier mit so ursprünglichen Bewohnern und ihren putzigen Festbräuchen, würde sich gut zur Aufzucht des Nachwuchses eignen.


Ihre künstlerischen Ambitionen, der Geruch drohender Aussonderung und der preiswert ordentliche Wein verleiteten viele der verbliebenen Lebenskünstler, sich häufig im Laden des Herrn S. zu treffen. Nicht selten auch zur Ausübung von Kunst. Dies führte bei vielen Zugezogenen zu Unverständnis. Ein Rudel älterer Leute, die das Leben feierten, passe so nicht in dieses Viertel. Schließlich müssten junge Familien tief in die Tasche greifen, um hier leben zu dürfen. Hart arbeiten zu müssen und sich die restliche Zeit um die Kinder zu scheren, beiße sich schon aus Gründen sinnstiftender Moralität mit offen ausgetragenem Hedonismus einer späteren Generation. Dass die das harte Arbeiten und das Scheren um die Kinder einfach lang hinter sich gelassen hatte, fand als Gedanke keinen Weg in die höhere Moralität.


Dann kam der winzige Wutball aus China und befiel die Menschen. Wie jeder andere Ladenbesitzer versuchte Herr S., so lange wie möglich und wie der Gesetzgeber es zuließ, seine Weine zum Erhalt des Ladens zu verkaufen. Er schenkte in aller Legalität noch zwei Tage aus, dann schloss er den Laden für zwei Wochen, kam auf die, wie erfand, ziemlich coole Idee, einen eineinhalb Meter langen Tisch bündig abschließend in die Eingangstür zu stellen und darüber (ungeöffnet, wie es sein Geschäftsmodell hauptsächlich vorsah) Weinflaschen zu verkaufen. Als er durfte, öffnete er wieder, ließ eine Kordelschnur den Eingang versperren und jeweils nur zwei Leute mit Atemmaske rein.


Viele, sehr viele seiner Kunden vermissten das übliche Glas Wein. Sie wiesen Herrn S. darauf hin, dass im benachbarten Partyquartier der Bär steppe und dort niemand den Ausschank verwehre. Der in die Jahre gekommene Herr S. fand trotzdem, dass er sich an die aktuelle Gesetzeslage halten müsse und vertröstete sie.


Zur gleichen Zeit trafen sich die Mütter und Väter des Viertels nebst Kindern täglich in den Höfen, hockten beieinander und besprachen die aktuellen News über ihren Nachwuchs, den Befall mit dem winzigen Wutball und suchten nach Schuldigen ihrer nichtstattfindenden Isolation. Die waren schnell ausgemacht…  


J.G. 17052020